Teamgeist, Familie, Freundschaft

 


„Teamgeist, Familie, Freundschaft“

Elf Jahre ist es her, dass es Friederike Kohl aus Dresden in unsere Region zog. In Mannheim studierend, verschlug es sie privat nach Gorxheimertal. Ihre Leidenschaft: Fußball. Die 30-Jährige fand bei der SG Hohensachsen den Verein, der für sie ihren Sport auch ausmacht: Einen Klub, der den Teamgedanken lebt. Und der den Mädchen nicht nur eine Heimat bietet, sondern sie mit den Jungs auch gleichstellt.

Von Anja Treiber

Es ist eklig an diesem nasskalten Novembertag in Heidelberg. Dick eingepackt sitzen wir auf einer Parkbank, gleich um die Ecke von dort, wo Friederike Kohl inzwischen wohnt. Als Marketingspezialistin bei SAP ist sie seit geraumer Zeit im Homeoffice. Doch in der Mittagspause nimmt sich die Frau in Daunenjacke und Fellkragen Zeit, um über ihre liebste Freizeitbeschäftigung zu sprechen. Seit einem Kreuzbandriss 2017 kickt sie zwar nicht mehr selbst. Doch dem Fußball ist Friederike Kohl immer treu geblieben: als Trainerin und Mädchenkoordinatorin bei der SG Hohensachsen.

Zunächst hatte sich die heute 30-Jährige beim FC Dossenheim engagiert, doch als sie – damals noch als freie Mitarbeiterin unserer Zeitung – den Mädchenfußball in Hohensachsen hinterleuchten sollte, blieb sie dort hängen. Warum? „In Hohensachen gab es damals schon eine florierende Jugendarbeit. Hier stand der Teamgedanke mega im Vordergrund. Das ist noch heute so. Die Mannschaften sind der König, nicht die Spielerinnen.“

Spitzenspielerinnen ausgebildet

Trotzdem ist sie natürlich stolz, wenn sich auch bei Einzelnen der Erfolg einstellt: Büsra Kuru spielt in der türkischen Nationalmannschaft, Sophie Walter in der Bundesliga bei Werder Bremen und Lina von Schrader hat es in die U-Nationalmannschaft geschafft. „Nicht zu vergessen Maria Ewald, die erste ‚Fußballerin der Woche‘ ever in den Weinheimer Nachrichten war“, lacht Friederike Kohl.

Einen Großteil der Entwicklung der Mädchenabteilung hat sie selbst mitgemacht. Der Verein wuchs organisch. Mit den Bambini, mit denen 2008 alles begann, spielte sie in der Saison 2016/17 selbst bei den Frauen. Alle Altersklassen sind besetzt. Inzwischen auch bei den Jungs. „Mittlerweile passt kein Blatt mehr zwischen uns. Das war früher mal anders“, sagt Kohl, die nicht nur den Austausch und die Zusammenarbeit mit den Trainerkollegen und der Abteilungsleitung schätzt.

Jungs und Mädchen Hand in Hand

„Während unsere Mädchen früher nach Schriesheim oder Lützelsachsen mussten, wenn sie in einer Jungs-Mannschaft mitspielen wollten, können sie das jetzt bei uns tun. Das dulden die Jungs nicht nur, sie wollen es auch.“ Umso wichtiger sei es, dass die SGH hier noch stärker werde, damit besonders talentierte Mädchen im eigenen Verein bleiben können.

Das gute Miteinander von Mädchen und Jungs ist in Hohensachsen deshalb essenziell, weil der Club davon lebt. „Im Freizeitsportbereich geht es ja nicht darum, Geld zu verdienen oder mit aller Macht Erfolg zu haben. Es soll Spaß machen und man will gerne Zeit mit den Leuten verbringen, mit denen man vielleicht mal 150 Kilometer einfach nach Tauberbischofsheim fährt, um sich dort eventuell eine Klatsche abzuholen“, sagt Friederike Kohl und lacht übers ganze Gesicht.

Allzu viele Klatschen handeln sich die Hohensachsener Mädchen allerdings nicht ein. Im Gegenteil – gerade die B-Mädchen hatten in der Verbandsliga bis zum Lockdown einen klasse Lauf und waren drauf und dran, an die vielen Erfolge der Vorjahre anzuknüpfen. „Für die ist es natürlich besonders bitter, so ausgebremst zu werden.“ Aber auch alle anderen waren nach der langen Sommerpause heiß darauf, endlich wieder loslegen zu können. „Wir hatten ein bisschen Bedenken, dass manche lieber FIFA auf der Playstation spielen, als sich bei Kälte auf den Platz stellen zu wollen.“ Doch nur wenige hörten tatsächlich auf, mindestens genauso viele kamen wieder dazu. Andreas Ewald lobte für die Bambini im Herbst ein Angebot aus und hatte direkt wieder eine komplette Mannschaft zusammen.

Was Mitgliederschwund angeht, haben die SGH-Mädchen also kein Problem, auch wenn gerade viele Eltern für den zweiten Lockdown wenig Verständnis aufbrächten. Die Kabinen waren seit März verschlossen, die Ansprachen hätten alle draußen stattgefunden. „Alle haben sich strikt an die Vorgaben gehalten. Es ist schwer zu akzeptieren, dass Schulsport weiter erlaubt ist, alle Bus und Bahn fahren und der Freizeitsport dichtgemacht wird. Der ist so wichtig für die geistige Ausgeglichenheit der Kinder.“

Was der Abteilung wirklich zu schaffen macht, sind die finanziellen Auswirkungen des Sportverbots. Keine Kerwe, keine Jugend- und Sommerturniere, keine Hallenrunde, für die Hohensachsen traditionell als Ausrichter fungiert. Und kein Zwei-Burgen-Cup, wo die SGH mit ihrem Mixed-Turnier anderen Vereinen auch Nachhilfe in Sachen Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen gab. Hier addiert sich das Ergebnis aus einer Frauen- und einer Männer-Halbzeit. Ein Riesenspaß.

Weil die SG Hohensachsen sich gleichberechtigt aufgestellt sieht, führte der Verein vor zwei Jahren auch Siegprämien bei den Frauen ein. „Schließlich war es nicht einzusehen, dass die Männer ihre Abschlussfahrt damit finanzieren konnten und die Frauen das aus eigener Tasche zahlen sollten. Dabei geht es gar nicht darum, dass Geld fließt. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung“, sagt Kohl, die betont, dass für Spieler oder Spielerinnen selbst aber nichts bezahlt werde. „Das soll auch so bleiben. Wir leben von Teamgeist, Familie und Freundschaft der Leute. Warum sollen wir dafür etwas zahlen?“

„Macho und Frauenversteher“

Dass es in Hohensachsen so gut läuft, liegt auch daran, dass die SGH immer wieder gute Trainer findet. „Ein männlicher Trainer muss eine gesunde Mischung aus Macho und Frauenversteher sein“, lacht Friederike Kohl, die weiß, worauf es ankommt. „Man kann Frauen in der Kabine nicht einfach zusammenbrüllen. Die lassen sich so nicht behandeln und bleiben dann eben weg.“ Außerdem würden Frauen per se alles hinterfragen. „Man muss viel mehr Erklärungsarbeit leisten, hat dann aber auch große Akzeptanz.“ Ein guter Trainer sollte Ansagen machen können, sich nicht einwickeln lassen und fußballerisch was draufhaben. Ganz großartig sei es natürlich, wenn es junge Trainer seien, die nicht allzuweit weg von den Themen der Mädchen sind.

Verantwortung übertragen

„TikTok, die Sprache, eventuell noch der gleiche Lehrer auf der Schule – das kommt natürlich super an.“ Hier hatte die SGH bislang immer Glück mit ihren FSJlern, aber in den vergangenen Jahren auch verstärkt mit der Einbindung von schon älteren Spielerinnen als Junior-Coaches. „Nichts ist wichtiger, als Verantwortung zu übertragen. Wer nur Hütchen stellt und sich als Hiwi fühlt, der findet schnell etwas, das ihm besser gefällt.“ Die Jugendtrainer der Fußballabteilung haben sich längst zusammengeschlossen und gemeinsam bei Lehrgängen Spaß. „Wir zahlen jede Fortbildung und sind für jeden sehr dankbar, der diesen Weg einschlägt.“

Das Gefühl, wichtig zu sein, das scheinen die Verantwortlichen in Hohensachsen gut vermitteln zu können. Gerade als und im Teamverbund. Das fängt bei Trainingsanzügen zum Selbstkostenpreis an und hört bei der Vermittlung von Werten auf. Das richtet sich nicht nur an Trainer und Spieler, die nach Fouls die Hand reichen oder den Schiedsrichter auf Fehlentscheidungen hinweisen, wenn sie zum Vorteil der eigenen Mannschaft ausfallen. Das richtet sich auch an Eltern, die ihren Ehrgeiz allzu sehr auf die Kinder übertragen. In Hohensachsen stehen sie nicht hinter der Bank, sondern auf der anderen Seite des Platzes.

„Jeder hat andere Talente, aber nicht jeder ist ein Star. Ich kenne kein Kind, das mehr Spaß hat oder besser spielt, weil es von außen angebrüllt wird“, sagt Kohl, die versucht, eine gute Mischung zu finden. „Keiner verbessert sich, wenn immer alles toll ist. Das funktioniert nicht.“ Loben motiviert. Aber eben dann, wenn es angebracht ist. „Man kann nur etwas verändern, wenn man es weiß. In Watte packen – das passiert viel zu oft.“ Friederike Kohl lebt Fußball. Und sie will zurück auf den Platz. Wie die SGH-Mädchen auch.

Weinheimer Nachrichten | Sport | 08.12.2020
Seite 23

 

 

 

Drucken